Das Unfassbare kann wieder geschehen


Gedenkveranstaltung „Polenaktion“, Grußwort von Petra Pau, MdB
Centrum Judaicum, Berlin, 29. Oktober 2018

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Anrede

Binnen weniger Tage ist dies die zweite Veranstaltung, zu der ich eingeladen und um ein Grußwort gebeten wurde. In beiden ging es um die Verfemung, Verfolgung und Vernichtung von Jüdinnen und Juden in Nazi-Deutschland.
Beide bezogen sich auf 1938, also vor 80 Jahren. Und beide erinnerten an Ereignisse und Opfergruppen, zu denen ich mich auch erst klüger lesen musste.

Bei dem anderen Gedenken ging es um jüdische Ärztinnen und Ärzte. 1933 verwiesen die Nazis sie aus Krankenhäusern und die kassenärztliche Vereinigung warf sie hinaus. Dann wurde ihnen der Titel Ärzte verweigert. Später durften sie nur noch ihresgleichen behandeln, also Jüdinnen und Juden, und ab 1938 niemanden mehr.

Es war wie generell: Die Zeit von der ersten Ausgrenzung bis zum Holocaust war ein Steigerungslauf. Und bei jeder neuen Etappe hatten die Nazis zugleich getestet, ob die Bevölkerung das alles mit trägt. Sie tat es, von Ausnahmen abgesehen.

Umso mehr gilt es heute, im Wortsinne, jedweden Anfängen zu wehren.
Ich sage das, weil seit zwei, drei Jahren immer unverhohlener Stimmen oder gar Fäuste gegen Jüdinnen und Juden erhoben werden. Das ist nicht hinnehmbar.

Die barbarischen Pogrome gegen Jüdinnen und Juden am 9. November 1938 sind weitgehend bekannt. Auch der Deutsche Bundestag wird demnächst erneut an sie erinnern. Die „Polenaktion“ vor ebenfalls 80 Jahren indes war auch mir weitgehend neu. Jedenfalls so lange, bis ich kürzlich die diesbezügliche Ausstellung im Centrum Judaicum sah.

Am 28. Oktober 1938 wurden 17.000 Jüdinnen und Juden mit polnischen Wurzeln aus Nazi-Deutschland ausgewiesen, allein 1.500 aus Berlin. Das alles mit faschistischer Gründlichkeit, was wiederum nur ging, weil damals alle Jüdinnen und Juden nebst Umfeld längst rassistisch erfasst waren.

Vor diesem historischen Hintergrund läuten bei mir alle Alarmglocken, wenn aktuell aus der AfD Sachsen gefordert wird, hier lebenden Sinti und Roma zu registrieren.

Aus derselben politischen Richtung wird eine 180-Wende in der Erinnerungskultur und mehr Stolz auf die Deutsche Wehrmacht angemahnt.

Sie, wir alle, erinnern nicht des Erinnerns wegen, sondern aus Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft.

Oder wie der Literatur-Nobelpreisträger und Holocaust-Überlebende Imre Kertesz in seiner Bundestags-Rede 2007 mahnte:
Das vordem Unfassbare ist geschehen.
Und was einmal geschah, kann wieder geschehen.

Genau das zu verhindern, ist unser aller Aufgabe.

In diesem Sinne war auch die bundesweite Demonstration #unteilbar am 13. Oktober 2018 in Berlin mit 240.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern verschiedener Couleur für Weltoffenheit, Demokratie und Toleranz ein wichtiges Zeichen engagierter Bürgerinnen und Bürger.

Rassismus und Nationalismus sind keine Zukunftsoptionen:
zu keiner Zeit und nirgendwo!
 
 

 

 

29.10.2018
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