Im Sinne von Erich Kästner

Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus - Sinti und Roma
Rede von Petra Pau
Berlin, 29. Januar 2018

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Zuletzt sprach ich hier am 2. August 2016. Damals zitierte ich Erich Kästner.
Die Gründe dafür sind nicht weniger, sondern mehr geworden.
Deshalb wiederhole ich:

Der von den Nazis verfemte Schriftsteller hatte 1956 rückblickend gemahnt:
„Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen.
Später war es zu spät.
Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird.
Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist.
Man muss den rollenden Schneeball zertreten.
Die Lawine hält keiner mehr auf ...“

Inzwischen haben Rechtspopulisten mit Verbindungen zu Rechtsextremisten im Deutschen Bundestag Sitz und Stimme.
„Rechtspopulisten“ klingt fast nett.
Der Präsident der Französischen Nationalversammlungen warnte dazu:
„Erst sind sie gegen das Fremde, dann gegen die Anderen, schließlich gegen die Demokratie!“

Und wie würden Sie es bewerten, wenn der Vorsitzende der AfD-Fraktion im Bundestag den anderen Fraktionen offen den Krieg erklärt, nur weil diese seinen Vorstellungen nicht folgen?!

Es ist nie gut, wenn man Unrecht hat.
Es kann aber auch schlecht sein, wenn man Recht behält, so wie Prof. Heitmeyer und sein Wissenschaftsteam.

Zehn Jahre lang - von 2002 bis 2011 - haben sie „Deutsche Zustände“ untersucht.
Ihr Fazit: Die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nimmt zu, ebenso die Akzeptanz von Gewalt als Politikersatz.
Inzwischen erleben wir es längst im Alltag.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit umfasst mehr als Rassismus.
Sie richtet sich ebenso gegen Obdachlose, gegen Arbeitslose, gegen Menschen mit Behinderungen und gegen alle, die in einer vermeintlichen sozialen Rangfolge tiefer rangieren.

Das Grundgesetz kennt eine solche Rangfolge nicht.
In bewusster Abkehr von der Zeit des Faschismus heißt es in Artikel 1:
„Die Würde des Menschen ist unantastbar!“
Wohl bemerkt, aller Menschen, nicht nur der Schönen und Reichen, und nicht nur der Deutschen und Weißen.

Aber natürlich birgt gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit auch rassistische Einstellungen:
gegen Jüdinnen und Juden,
gegen Sinti und Roma,
gegen Muslima und Muslime,
und so weiter.

Und das nicht nur am rechten Rand, sondern inmitten der Gesellschaft.
Häufig von Staats wegen unterstützt, wie wir auch aus dem NSU-Nazi-Mord-Desaster wissen.

Und so gedenken wir - zumeist als Nachgeborene - auch heute wieder der Opfer des Faschismus, der ermordeten Sinti und Roma.

Aber nicht des Gedenkens wegen, jedenfalls nicht nur.
Sondern aus Verantwortung dafür, dass sich das nie wiederholt:
Es drängt!
 
 

 

 

29.1.2018
www.petra-pau.de

 

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